Voneinander getrennt und doch gemeinsam (Auszug aus dem Ephoralbericht an die Kirchenkreissynode von Sup. Christian Berndt)

Leben im Angesicht des Virus – im Kirchenkreis (Juli 2020)

Voneinander getrennt und doch gemeinsam – dies ist bzw. war das Motto für das kirchliche Leben im Kirchenkreis in den letzten Wochen und Monaten. Kirche lebt davon, dass Menschen sich treffen, gemeinsam singen, beten feiern. Vieles war in den letzten Monaten nicht erlaubt, Manches wird noch lange nicht so gehen, wie es vorher war.

Die Pandemie stellt nach Meinung vieler Kommentatoren eine existentielle Krise dar, wie wir sie seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr hatten. Manche sagen ja, in der Not und Gefahr werden die Kirchen wieder voller. Aber was ist, wenn die Kirchen zu sind? Aber was, wenn eine tröstliche Gemeinschaft auch gefährlich ist?

Trotz allem sind wir als Christinnen und Christen gemeinsam unterwegs. Was wir konsequent durchgehalten haben, auch in den Wochen des Shutdowns, sind die Begleitung von Sterbenden und die Ausrichtung von Trauerfeiern und Beerdigungen.  Nur eben im sehr kleinen Kreis.

Gleichzeitig ist Neues entstanden – Voneinander getrennt und doch gemeinsam. Einige Beispiele aus dem Kirchenkreis:

  • Abendsingen um 19 Uhr – jeder für sich und doch gemeinsam
  • online-Angebote – jede Woche mindestens ein Gottesdienst, viele kleine Andachten und Grußworte aus den Kirchen
  • Telefonandacht aus dem Handorfer Pfarrhaus
  • Straßensegen ausgehend von Salzhausen-Raven
  • Oster- und Pfingstpost für Kita-Kinder
  • Post für ältere Menschen; Blumen, Küchlein etc. für Senioren
  • „Segen to go“, „Andacht to go“
  • MugTime (Bibelkreis) als Videokonferenz
  • KKJD – „Stay at home challange“
  • Pastorin legt Andachten im Supermarkt aus
  • …und vieles mehr

Ich bin dankbar im Hinblick auf die Mitarbeitenden im Verkündigungsdienst, die treu ihren Dienst getan haben in den letzten Monaten. Im Hinblick auf mögliche Kinderbetreuung wurde ja festgestellt, dass der Verkündigungsdienst nicht systemrelevant sei. Viele haben die Kinder die ganze Zeit zuhause gehabt, haben den Spagat jedoch hinbekommen, in den Gemeinden trotzdem präsent zu sein.

Ich bin dankbar, dass die Mitarbeitenden im Kirchenkreisamt weiterhin den „Laden am Laufen“ gehalten haben und erreichbar waren – ob nun im home-office oder im Amt. Im Blick auf andere Behörden kann ich nur sagen, dass das nicht selbstverständlich war. Auch meinem Team im Ephoralsekretariat bin ich dankbar, die viel organisiert haben und Ratlosigkeit und Unverständnis vieler Anrufer ausgehalten haben.

Ich bin dankbar für die Mitarbeitenden im Kita-Verband, die einen Notbetrieb aufrechterhalten haben und jetzt einen Normalbetrieb wieder ermöglichen. Schützen kann man sich im Kita-Betrieb kaum. Manch eine Mitarbeiterin gehört zur Risikogruppe.

Ich bin dankbar dafür, dass Mitarbeitende im Diakonischen Werk Hittfeld-Winsen durchgehend für Menschen da waren; per Telefon, Videochat und auch für einige ganz persönlich. Dies gilt auch für den Ambulanten Hospizdienst, die auch während des Shutdowns Familien begleitet haben.

Ich bin dankbar für die Menschen, die im Kirchenkreis und in den Kirchengemeinden ehrenamtlich ihre Verantwortung übernommen haben. Manche habe ich erlebt, die beruflich sehr belastet waren und sich trotzdem gekümmert haben. Andere haben sich große Sorgen gemacht – beruflich und gesundheitlich – und machen sich diese Sorgen immer noch. Aber sie sind nicht abgetaucht, sondern engagieren sich weiter.

Ich bin dankbar, in welcher Vielfalt und Kreativität Menschen in unseren Gemeinden auf die Krise reagiert haben.

Leben im Angesicht des Virus – jetzt und in der kommenden Zeit.

Es gibt viele Lockerungen im öffentlichen Leben, die jetzt auch in Kirche viel ermöglichen. Trotzdem wird sich vieles noch anfühlen wie mit angezogener Handbremse. Ich rechne z.B. damit, dass es am Heiligabend Gottesdienste mit Krippenspielen in der Form, wie wir sie kennen, in diesem Jahr nicht geben wird (viele kleine Engel und Hirten im Altarraum mit einer übervollen Kirche). Vielleicht werden wir kleine Formate draußen haben – Weihnachtsgeschichte nach Lukas und Weihnachtsliedersingen mit dem Posaunenchor. Das entscheiden die Gemeinden vor Ort.

Ende April haben wir ganz optimistisch Konfirmationen in den Frühherbst verschoben. Jetzt zeichnet sich ab, dass auch diese Feiern nicht so stattfinden werden können, wie eigentlich erhofft. Wir werden nach den Sommerferien in unseren Gemeinden nicht einfach so weitermachen können wie vor der Krise!

Trotzdem bin ich optimistisch, denn während des Shutdowns ist deutlich geworden: Kirche kann auch anders. Ich ermutige Kirchengemeinden dazu, neue Dinge, die sich während des Shutdowns bewährt haben, weiterzuführen – aber dann auch Dinge von vor der Krise nicht einfach unreflektiert wieder aufzunehmen. Wir dürfen auch etwas lassen. Bedenken sollten die Verantwortlichen in den Gemeinden auch, dass fast alles, was wir jetzt wieder beginnen, unter Corona-Bedingungen aufwändiger ist.

Aus den Gesprächen der letzten Tage ist bei mir ein Bild hängen geblieben: Die Angebote einer Gemeinde sind auf einer Schiefertafel aufgeschrieben. Die Corona-Krise hat viele Angebote einfach weggewischt. Jetzt können langsam wieder die Teile des Gemeindelebens aufgeschrieben werden, die stattfinden sollen.

Nehmen Sie sich in den Gemeinden und Pfarrämter die Zeit, zu überlegen, was Sie wieder aufschreiben können und wollen. Was hat Ihnen und den Gemeindegliedern denn gefehlt? Einige Beispiele dazu:

  • Eine Gemeinde hat durch das Abendläuten angeregt die Erfahrung von gemeinsamem Singen und kleiner Andacht draußen auf dem Kirchplatz gemacht, zu dem sich viele Menschen getroffen haben. Jetzt wird der Sonntagsmorgengottesdienst wiederbelebt. Aber wäre die offene Andachtsform draußen nicht vielleicht auch eine Verkündigungs- und Gemeinschaftsform für den Sommer an sich?
  • Menschen geben positive Rückmeldungen auf die verkürzten Verkündigungsformen. Wollen Sie wirklich einfach wieder auf das 1-Stunden-Format gehen? – Und muss es am Sonntagsmorgen sein?
  • Wenn schon kein Kinderbibelvormittag mit gemeinsamem Spielen geht, wie wäre es mit einem kleinen Format: Draußen zur Begrüßung Singen, drinnen biblische Geschichte – draußen zum Abschluss singen?
  • Wie gehen wir mit der Erfahrung um, dass Chorsängerinnen und -sänger im kleinen Format zu viert auf einmal die Möglichkeiten ihrer Stimme entdecken?
  • Welche Rolle sollen digitale Angebote in Zukunft spielen?
  • Und wie ist es mit Gesprächsangeboten und Sprechstunden von Pfarrer- und Diakonenschaft einfach auf dem Rasen vor dem Gemeindehaus, wie auch geschehen?
  • Welche Angebote machen wir für die Menschen, die sich noch nicht in physische Gemeinschaft trauen?
  • Die Internationalen Cafés waren nicht möglich. Ist es sinnvoll, sie wieder aufleben zu lassen? Oder vielleicht lieber zweimal im Jahr ein Fest feiern. Oder ein gezieltes Angebot für geflüchtete Frauen machen?
  • Wie gehen wir mit den positiven Reaktionen um, dass sich Kirchengemeinden zu „den Alten“ auf den Weg gemacht haben, ihnen etwas vor die Tür gestellt haben?
  • … und damit, dass Kita-Kinder „stolz wie Bolle“ waren, weil sie von ihrer Pastorin persönliche Post zu Ostern und Pfingsten bekommen haben.
  • Wie wäre das mit einem Straßensegen auch zu Weihnachten?
  • Oder wenn die Sonntagspredigt immer beim Kaufmann ausliegen würde?
  • uvm.

Ich frage mich, wie können wir als Kirche jetzt für wen da sein?

Ich höre z.B. aus der Kirchenkreisjugend eine große Verunsicherung. Die Jugendlichen vermissen den Austausch, trauen sich aber nicht, sich zu treffen. Was machen wir jetzt für diese Jugendlichen? Die wenigen Sommerfreizeiten sind abgesagt. Zumindest eine „Konfi-Camp@home“ wird angeboten, vielleicht ja auch andere Alternativangebote.

Oder ich frage mich: Wie erreiche ich eigentlich jetzt selbständige Menschen, die in eine existenzgefährdende Situation gekommen sind. Brauchen nicht gerade die jetzt jemanden, dem sie ihr Herz ausschütten können? Die Pleiten kommen noch in diesem Herbst.

Der Kirchenkreisvorstand würde gern aus den Gemeinden von Ihren Erfahrungen in der Krise hören und was die Zeit in den Kirchengemeinden verändert hat. Vielleicht können wir uns in der nächsten Kirchenkreissynode darüber austauschen. Vielleicht gibt es in diesen Monaten ja auch Erfahrungen, die wir positiv für die Zukunft in den Gemeinden nutzen können.

Was ändert sich strukturell?

Mich treibt um, dass auch wir in der Kirche in absehbarer Zukunft weniger Geld haben werden. 20% weniger Kirchensteuer in diesem Jahr – so eine Schätzung. Was bedeutet das für unsere Gemeinden und unsere Beschäftigten?

Wie reagieren unsere Kirchenmitglieder auf die Krise? Was geschieht, wenn Menschen am Rande der Kirche denken: „So systemrelevant war die Kirche mir jetzt nicht“? Gleichzeitig werden andere bestimmt sagen: „Gerade in dieser Zeit hat Kirche mich nicht vergessen. Sie hat Briefe geschrieben, meine Mutter trotzdem beerdigt, mir einen Segen auf dem Weg gespendet.“ Eine direkte Auswirkung der Krise auf die Mitgliedschaft kann ich noch nicht sehen. Nur, dass so manche Taufe verschoben wurde. Aber jetzt gibt es wieder Taufgottesdienste, teilweise sogar moderate Tauffeste.

Nebenbei: Entgegen dem Trend in der Landeskirche ist von 2018 auf 2019 die Anzahl der Austritte nicht angestiegen, sondern gleichgeblieben. Dafür gab es mehr Taufen als im Vorjahr.

Und ich weiß noch nicht, was die Krise theologisch mit mir macht; die Erfahrung, wie zerbrechlich das Leben ist, wie zerbrechlich auch unsere Gesellschaft. Es gibt Kirchenleute, die darüber nachdenken, was Gott uns mit dieser Epidemie sagen will. Dies hier auszubreiten, führt jedoch zu weit. Aber ich frage mich, wo wir den Raum schaffen, uns nicht nur über Hygieneregeln auszutauschen, sondern auch über Glaubensfragen, die mit der Pandemie einhergehen. Wenn ich über die Zukunft der Kirche nachdenke, dann begleiten mich Fragen:

  • Welche Erfahrungen – auch im Guten – können wir aus der Krise mitnehmen in die Zukunft?
  • Was hilft uns für unsere Arbeit in den Kirchengemeinden? Welche Impulse können wir als Kirchenkreis geben an die Verantwortlichen im Ehrenamt und Hauptamt?
  • Und für wen können und müssen wir als Kirche in dieser Zeit auf welche Weise da sein?

Bei allen Unwägbarkeiten werde ich in diesen sehr besonderen Zeiten getragen von dem Vertrauen, das zu Pfingsten auch auf Bannern in vielen Kirchengemeinden zu sehen war: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. (2. Timotheus 1,7)

Bleiben sie behütet.

Ihr Superintendent Christian Berndt