Jahreslosung 2016

Wir grüßen die Besucher unserer Seite mit der neuen Jahreslosung für 2016 und wünschen Ihnen ein glückliches neues Jahr!

Hier eine Betrachtung zur Jahreslosung vom Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland Bischof Heinrich Bedford-Strohm:

„Ich bin ja hier!“, flüstert die Mutter ihrer vierjährigen Tochter ins
Ohr. Nachdem die Kleine gestürzt ist, läuft die Mutter zu ihr, hebt
sie hoch und nimmt sie auf den Arm. „Gleich wird es wieder besser!“,
verspricht sie dem Mädchen nun, während sie ihm über das
tränenfeuchte Gesicht streichelt.

Es sind Szenen wie diese, an die die Jahreslosung 2016 denken
lässt: „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter
tröstet.“ Der Vers aus dem Buch des Propheten Jesaja malt das,
was Gott für uns sein will, mit dem Bild von der tröstenden Mutter
aus. Und sofort spüren wir, was es für uns bedeutet, wenn Gott uns
zusagt, dass er unser Trost sein will. Denn in der Verheißung „Ich
will euch trösten“ liegt das Versprechen: Ich bin bei euch, auch und
gerade dann, wenn ihr meine Nähe und Unterstützung braucht. Und
wie eine liebevolle Mutter, die ihr Kind auf den Arm nimmt, nähre ich
damit die Hoffnung in euch, dass es besser werden kann.
Dieses beides gehört zum Trost dazu: Die Nähe und die darin liegende
Ahnung davon, dass das Leid sich wenden wird.

Ein anderes Bild: Die kleine Hand liegt in der Hand einer Erwachsenen.
Vielleicht ist es auch hier die Mutter, die dem Mädchen mit
dem Wasser aus einem Plastikbehälter die Hand wäscht. Das Foto
zur diesjährigen Losung wurde im südostafrikanischen Malawi aufgenommen.
Malawi ist eines der ärmsten Länder unserer Welt. Nicht nur langanhaltende
Dürreperioden entziehen den Menschen die Lebensgrundlage.
Immer häufiger treffen das Land heftige Regenfälle, die
den ausgedörrten Boden überfluten und das Wenige vernichten,
das die Menschen sich erarbeitet haben. Gerade die Kinder leiden
unter den Folgen solcher Katastrophen: Sie erkranken, ohnehin
geschwächt, an Malaria oder Cholera. Wenn Schulgebäude zerstört

oder als Notunterkünfte genutzt werden, verlieren sie die Chance
auf Bildung. Darüber hinaus zerbrechen Familienstrukturen, weil
viele Erwachsene an der Immunschwäche Aids sterben.
Mit großen Augen schaut das Mädchen aus Malawi direkt zu
uns, die wir das Foto betrachten. In diesem Blick liegt auch eine
Mahnung: Das Bild von der tröstenden Mutter bekommt in unserer
Welt Risse. Denn nicht nur in Malawi können Mütter in die Situation
geraten, dass sie ihren Kindern keinen Trost mehr schenken können,
kaum Nähe und keine Hoffnung darauf, dass es besser werden
kann.

Wenn Frauen täglich um das Überleben ihrer Familien kämpfen,
wenn sie von Gewalt bedroht sind, wenn sie unter seelischen
oder körperlichen Erkrankungen leiden, wenn sie selber ausgeschlossen
sind von Entwicklungs- und Bildungsmöglichkeiten –
kurz: wenn Frauen an den Rand ihrer Kraft geraten, ganz gleich, wo
in dieser Welt –, dann können sie nicht in der Weise für ihre Kinder
da sein, wie es uns das Wort aus dem Buch des Propheten Jesaja
vor Augen stellt.

Das Mädchen aus Malawi sieht hinüber zu uns und nimmt uns
damit mit hinein in seine Welt. So verstehen wir: Es ist nicht allein
die Aufgabe der Mütter, den Kindern Nähe zu schenken und dadurch
die Zuversicht, dass auch Leid sich wenden kann. Wir alle
haben die wunderbare Möglichkeit, Kinder auf ihrem Lebensweg zu
begleiten, ihnen Trost zu sein, damit sie eine Ahnung davon bekommen
können, dass ihr Leben gut werden wird.

Das Wohl eines Kindes ist immer abhängig von den Menschen und
den Bedingungen, die es umgeben. Darum ist es wichtig, dass wir
mit dem, was uns möglich ist, dazu beitragen, das Lebensumfeld
der Kinder zu verbessern und die Menschen, die mit ihnen leben, zu
stärken – besonders die Mütter.

In den Projekten der Kindernothilfe – etwa in Malawi – geschieht
genau dies:
Frauen treffen sich in Selbsthilfegruppen und lernen voneinander,
wie sie sich vor HIV und Aids schützen können, welche Möglichkeiten
zur Verbesserung der Hygiene sie haben oder wie sie die
Entwicklung ihrer Kinder fördern. Mit Kleinkrediten, die sie sich
gegenseitig gewähren, werden Frauen in die Lage versetzt, Kindergärten
einzurichten oder Alphabetisierungskurse anzubieten. Sie
wirken mit bei dem von der Kindernothilfe und deren Partnern vor
Ort getragenen Bau von Schulen, nehmen an landwirtschaftlichen
Kursen teil oder erfahren in Unternehmensgründungsprogrammen,
wie sie den Lebensunterhalt der Familie sichern können, etwa mit
einer Bienenzucht oder der Herstellung von Erdnussbutter.

Mit solchen Gemeinwesenprojekten werden die Familien, besonders
die Mütter, unterstützt. Sie werden ermutigt und können so ihren
Kindern weitergeben, was sie selber empfangen haben: Zuwendung
und die darin liegende Hoffnung darauf, dass es besser werden
kann.
Als Menschen – nicht nur, solange wir Kinder sind – leben wir in
Gemeinschaft, einer weltweiten Gemeinschaft, und von unseren
Beziehungen, die nicht an den Grenzen der Länder oder Kontinente
enden.

„Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“
– Dieser Vers steht als Losung über dem Jahr 2016. Und auch er
spricht von Beziehung und von Gemeinschaft, denn er malt Gottes
Fürsorge für uns mit dem Bild von der tröstenden Mutter aus.
Wenn wir die Schwelle zu einem neuen Jahr überschreiten, dann
verbinden sich damit sehr unterschiedliche Gefühle: Dem einen
ist dabei das, was das neue Jahr bringen soll, schon sehr klar. Für
eine andere ist noch alles unsicher.

Möglicherweise mischt sich bei einem Dritten in die Erwartung des
Neuen Wehmut über das, was vergangen ist.
Und wieder eine andere macht sich Sorgen, weil sie ahnt,
dass Schweres vor ihr liegt.
In diese – oder ganz andere – Empfindungen zum Jahreswechsel
hinein hören wir die Zusage Gottes: Ich will dein Trost sein!

Im Deutschen ist das Wort „Trost“ von seinem Ursprung her verwandt
mit dem Wort „treu“. Gott ist treu, wie eine Mutter, die ihrem
Kind tröstend zuraunt: „Ich bin ja hier!“ Und auch wenn wir wissen,
dass das Bild von der tröstenden Mutter in unserer Welt in Gefahr
geraten kann, wenn wir sehen, wo Mütter bei der Sorge um ihre
Kinder an ihre Grenzen kommen, bleibt doch wahr, was dieses Bild
in seiner Tiefe ausdrückt über Gottes bleibende Zuwendung zu uns
Menschen. Er selbst ist ja in seinem Sohn Jesus Christus, in dem
Kind in der Krippe, ein Mensch geworden. Damit hat er sich ein
für alle Mal mit uns in Beziehung gesetzt, ist eine unverbrüchliche
Verbindung mit uns eingegangen.

Zum Trost gehört neben der Zuwendung und Nähe auch das
Versprechen, dass das Leid sich wenden wird. Die Mutter, die ihr
weinendes Kind im Arm hält, kann dieses Versprechen geben, denn
sie kann weiter sehen als auf das aufgeschlagene Knie. Sie weiß,
dass es heilen wird, und kann darum sagen: „Gleich wird es besser!“
Wenn wir am Beginn des neuen Jahres Gottes Verheißung hören,
dann bestärkt uns das in dem Vertrauen, dass unser Leben mit
ihm gut sein kann, bei ihm gut werden wird. Denn auch Gott kann
weiter sehen.

Jesus Christus hat nicht nur mit uns gelebt und hat in
seinem Tod am Kreuz alle menschlichen Ängste und Tiefen durchlitten.
Durch seine Auferstehung hat er den Tod besiegt und uns
damit den Weg zu Gott und in sein Reich eröffnet. Gott kann weiter
sehen als auf das, was wir erkennen können. Er sieht unser Leben
vom Ende her, von der Vollendung, die bei ihm auf uns wartet.
Und darum liegt in dem Trost, den er uns schenken will, das verlässliche
Versprechen: Es wird gut sein!

Das Mädchen hat vertrauensvoll seine kleine Hand in die große
Hand gelegt, die ihm entgegenkommt. Zugleich schaut das Kind aus
Malawi uns, die wir das Foto betrachten, direkt an.
In diesem Blick liegt eine Einladung: Es ist die Einladung, an der
Schwelle zum neuen Jahr unsere Hand genauso vertrauensvoll in
Gottes Hand zu legen und das, was das neue Jahr uns bringen wird,
zuversichtlich aus seiner Hand anzunehmen. Es ist die Einladung,
auch in diesem Jahr etwas von dem weiterzugeben, was wir selber
empfangen haben: an die Kinder, die in Malawi und an so vielen
anderen Orten der Welt unsere Zuwendung brauchen, an alle
Menschen, mit denen und von deren Gemeinschaft wir leben.

So wird 2016 auch an uns spürbar, was Gott uns verheißen hat:
„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Landesbischof
Heinrich Bedford-Strohm,
München
Vorsitzender des Rates der EKD