Jesus heute: Mit der Bergpredigt regieren?

Von Franz Alt. Warum hat die Weihnachtszeit alle Jahre wieder ein Flair des Geheimnisvollen? Was ist das Besondere an dieser Zeit? Wir feiern doch „nur“ die Geburt eines Kindes vor 2000 Jahren. Was ist daran außergewöhnlich?

In der gesamten Menschheitsgeschichte wurde noch nie über einen Menschen so viel geschrieben wie über Jesus von Nazareth. Täglich erscheinen weltweit drei bis vier neue Jesus-Bücher. Für niemand wurden so viele Denkmäler und Gebäude errichtet wie zu seiner Erinnerung. Und zu niemandes Ehre wurden so viele Gedichte geschrieben und so viele Lieder komponiert wie für den wunderbaren jungen Mann aus Nazareth. Warum wohl? Nie zuvor und nie danach hatte ein Mensch eine geistige Botschaft mit einer ähnlichen Sprengkraft. Der junge Mann aus Nazareth lehrte ein Programm für die Heilung der Menschen und für eine bessere Welt. Das Besondere aber war, dass er in Übereinstimmung mit seinem Programm gelebt hat. Seine Heilungsstrategie hieß: Vertrauen, Hoffnung, Liebe mit der Konsequenz: Innerer und äußerer Frieden.

Aber: Hat diese Programm auch gewirkt? Wurden die Welt und die Menschen seither friedlicher und besser? Gibt es 2000 Jahre nach Jesus wirklich mehr Vertrauen, Hoffnung und Liebe? Die moderne Friedensforschung zählt Ende 2007 weltweit über 60 Kriege. Das 20.Jahrhundert übertraf an gewalttätigen Auseinandersetzungen alle Jahrhunderte zuvor. Die beiden Weltkriege kosteten über 70 Millionen Menschen das Leben. Gemordet wurde auch im Namen Gottes und mit dem Segen von Kirchen. Und in unserer Zeit sagt der Chef der Wiener Atomenergie-Behörde, El Baradei: „Die Welt war noch nie so nahe am Atomkrieg wie heute“.

Hinzu kommt noch der Dritte Weltkrieg, den wir heute über den Klimawandel gegen die Natur und damit gegen uns selbst führen. Wir verbrennen zurzeit an einem Tag so viel Kohle, Gas und Öl wie die Natur in 500.000 Tagen geschaffen hat. Wir ahnen vielleicht erstmals etwas vom Ende der Geschichte. Haben wir also Jesus nicht verstanden oder war er vielleicht ein weltfremder Utopist? Hat er die Menschen überschätzt oder lebten wir bisher unter unseren Möglichkeiten? Hatte er ein falsches Menschenbild oder haben wir ein unrealistisches Jesus-Bild? Wenn Menschen unveränderbar oder unverbesserlich sind, dann sollten wir Jesus besser vergessen, denn er glaubte an die Veränderbarkeit.

Da wir ihn ab er auch nach 2.000 Jahren offensichtlich nicht vergessen können, liegt unser Dilemma wohl doch eher daran, dass wir ihn bisher nicht wirklich verstanden haben. Was wissen wir vom wirklichen Jesus? Sicher ist: er glaubte unerschütterlich an bessere Menschen in einer besseren Welt. Und darauf vertrauen – bewusst oder unbewusst – auch heute in den Zeiten eines oberflächlichen Zynismus Millionen Menschen. Das macht die entscheidende Faszination dieses Mannes aus. Jesus träumte vom Reich Gottes, aber es kam die real existierende Kirche. Und in dieser Kirche wird seit 2000 Jahren über die Frage gestritten, ob „man mit der Bergpredigt regieren“ könne?

Bergpredigt: Die Befreiung zum Frieden
Von Bismarck bis Helmut Schmidt und Helmut Kohl haben unsere „Realpolitiker“ die berühmte Frage: „Kann man mit der Bergpredigt regieren?“ mit „Nein“ beantwortet. Ich kenne in Deutschland nur zwei prominente Politiker, die bislang diese existenzielle Frage bejaht haben. Richard von Weizsäcker (CDU) hat gesagt: „Ich kann mir humane Politik nur m i t der Bergpredigt vorstellen.“ Und Reinhard Höppner (SPD) hat als Präsident des Kirchentags 2007 – aber auch schon früher als Ministerpräsident von Sachsen Anhalt – an Jesu Zentralforderung „Liebet Eure Feinde“ erinnert und konkret vorgeschlagen, auch mit den Taliban oder mit der Hamas und anderen Terroristengruppen zu verhandeln. Und die Aufregung war sofort wieder groß. Die Bergpredigt ist Sprengstoff geblieben bis heute. Soll denn George Bush gar mit Bin Laden reden? Wurde ich in einer Fernsehsendung von einer aufgeregten Moderatorin gefragt. Meine Antwort: „Warum eigentlich nicht? Reden wäre besser als einen Krieg zu führen und Tausende unschuldiger Menschen ermorden“. Die Empörung über solche Vorschläge überrascht nicht. Als Jesus vor 2000 Jahren seine Überzeugung vortrug, war die Aufregung und Empörung genau so groß. „Das Volk war außer sich“, heißt es am Schluss der Bergpredigt.

Ganz pragmatisch: Wie war denn die bisherige Politik ohne Bergpredigt?

Konflikte und Machtfragen wurden oft mit Krieg und Massenmord „gelöst“. Die Geschichte ist seit 2000 Jahren bis zum heutigen Tag eine schreckliche Folge von Kriegen und Gewalt, von Rache und Verhöhnung statt Dialog und Versöhnung. Auch die deutsch-französische Versöhnung erfolgte erst nachdem Millionen Menschen wegen Dummheit und Verblendung ermordet worden waren. Erst danach wurde eine Politik der Bergpredigt möglich – beinahe 2000 Jahre nach dem wunderbaren Bergprediger mit seinem fundamental neuen Ansatz: Feindesliebe statt gegenseitiges Totschlagen. George W. Bush beruft sich zwar auf Jesus, aber er hat ihn bis heute nicht verstanden. Ergebnis dieser Politik ohne Feindesliebe: Über 300.000 Tote im Irak. Der Dalai Lama hat den US-Präsidenten am Abend des 11. September 2001 eine Alternative zum Krieg im Sinne der Bergpredigt vorgeschlagen: „Herr Präsident, auch Bin Laden ist unser Bruder. Verzichten Sie auf Rache.“ Bush hat nichts begriffen. Sogar Saddam Hussein, weiß Gott kein Freund der Bergpredigt, hat Bush Verhandlungen statt Krieg vorgeschlagen. Doch Bush wollte Krieg. Das Ergebnis ist eine weitere Katastrophe in der Menschheitsgeschichte.

Niemand kann garantieren, dass eine Politik der Feindesliebe „erfolgreicher“ im Sinne von weniger Toten ist. Aber es ist sehr wohl denkbar, dass eine kluge Verhandlungspolitik weit weniger Menschenleben im Irak, aber auch in Afghanistan gefordert hätte. Auch im Nahen Osten besteht die Möglichkeit, durch Gespräche mit Hamas und Hisbollah mehr Humanität zu erreichen als durch Gewalt. Und Angela Merkel hat den US-Präsidenten soeben davon überzeugt, dass Gespräche mit der iranischen Regierung vernünftiger – und christlicher – seien als Drohungen mit dem „Dritten Weltkrieg“. Vielleicht hat die Bundeskanzlerin mit ihren Gesprächen auf der Ranch des US-Präsidenten einen Beitrag dazu geleistet, einen schon geplanten Krieg zu verhindern. Mit der Bergpredigt kann man nicht regieren? Wer es nicht einmal ausprobiert, kann es auch nicht erleben.

Feindesliebe heißt nicht: Lass dir alles bieten. Feindesliebe heißt aber sehr wohl: Seid klüger als dein Feind

Das hat Jesus gemeint. So schaffen wir eine Kultur des Friedens. Die Geschichte beweist: Nur m i t der Bergpredigt gibt es eine Befreiung zum Frieden. Nur mit Vertrauen in uns selbst, wie Jesus es vorschlägt, werden wir friedensfähig. Wir Christen sollten weniger bekennen, sondern mehr erkennen. Dann finden wir auch endlich die wirkliche Pädagogik des Friedens in der Bergpredigt. Und dann erst kann wirklich Weihnacht werden.

Das beste Beispiel einer erfolgreichen Politik im Geist der Bergpredigt in unserer Zeit haben die Bürgerrechtler in der DDR im Herbst 1989 geliefert. Nach dem Motto „Keine Gewalt“ erzwangen sie eine friedliche Revolution und das Ende eines inhumanen Regimes ohne dass ein einziger Tropfen Blut floss. Das neue, 2000 Jahre alte Menschenbild der Bergpredigt „Selig sind die Friedensstifter“ ist ein Aufruf: Entscheidet Euch gegen das Gesetz der Gewalt und Vergeltung und für das Gebot der Liebe und Vergebung. Bedenkt, dass alle Menschen Geschwister sind und vergesst alles andere. Arbeitet an der Überwindung des unmenschlichsten aller Dogmen: dass der Mensch unverbesserlich sei! Die Kirchen haben bisher eine heillose Welt oder ein weltloses Heil gelehrt.

Doch seit der Bergpredigt könnten wir wissen, dass das Heil nicht weltlos und die Welt nicht heillos ist. Spiritualität und Politik gehören zusammen wie die zwei Seiten einer Medaille. Wenn wir mitarbeiten an der Heilung der Welt, dann werden wir verstehen und erfahren, dass Frieden und Liebe möglich werden. Frieden und Liebe gewinnen wir, wenn wir etwas dafür tun. Wenn wir aber nichts dafür tun, haben wir schon verloren. Diese Bergpredigt-Erkenntnis gilt privat und politisch: Frieden ist Friedensarbeit und Liebe ist Liebesarbeit. Alles andere ist weltfremde Schwärmerei, die nichts mit Jesus zu tun hat.

Der junge Mann aus Nazareth war kein Sentimentalo, sondern ein Realo und ein großer Menschenkenner. Seine alles entscheidende Erkenntnis: Verträumt nicht Euer Leben, sondern lebt Eure Träume! Die Gefahren des Atomzeitalters und der Umweltzerstörung verlangen geradezu nach einer klugen Politik der Bergpredigt. Der christliche Mystiker Angelus Silesius hat schon im Mittelalter gewusst: „Christus ist umsonst geboren, wenn er nicht in Dir geboren wird.“

Jesus heute: Jesus und die Politik des Dalai Lama

Obwohl die meisten Politiker bezweifeln, dass man im Geiste der Bergpredigt Jesu regieren kann, gibt es eine respektable Reihe von weltbekannten Politikern, die mit der Gewaltfreiheit der Bergpredigt erfolgreich Politik gemacht und dem Frieden gedient haben.

Martin Luther King hat in den USA ganz wesentlich zur Emanzipation der Schwarzen im Geiste Jesu beigetragen, Mahatma Gandhi hat in Indien ein Milliardenvolk mit einer Politik der Gewaltfreiheit in die Unabhängigkeit von der Großmacht England geführt und Nelson Mandela sowie Bischof Tutu haben in Südafrika unter ausdrücklicher Berufung auf Jesu Bergpredigt die menschenverachtende Politik der Rassentrennung aufgehoben.

Und heute versucht der Dalai Lama eine Politik der Bergpredigt für Tibet. An seinem Beispiel wird freilich auch deutlich, dass der Erfolg einer Bergpredigt-Strategie niemals garantiert ist und schon gar nicht der schnelle Erfolg. Eine erfolgreiche Politik der Bergpredigt erfordert Geduld, Gottvertrauen und souveräne Beharrlichkeit. Jesus landete schließlich am Kreuz, Mandela war 28 Jahre im Gefängnis für seine Überzeugung und Gandhi wurde wegen seiner Politik der Gewaltfreiheit ermordet.

„Die acht Seligpreisungen der Bergpredigt sind wie der achtfache Pfad des Buddha ein Weg zum Frieden und Glück“, sagte mir der Dalai Lama schon vor über 20 Jahren. Und als mein Buch „Der ökologische Jesus – Vertrauen in die Schöpfung“ erschienen war, meinte der „Papst des Ostens“ lachend: “Ihr nächstes Buch sollte „Der ökologische Buddha“ heißen, denn in zentralen Fragen der Menschheit waren sich unsere großen Vorbilder wie Buddha, Jesus, Laotse oder Gandhi völlig einig. Sie wollten vor allem, dass alle Menschen glücklich werden und in Frieden leben.“

Ausdrücklich stimmt der Dalai Lama der These des christlichen Theologen Hans Küng zu: „Ohne Religionsfrieden kein Weltfrieden“. Bei der Friedenssuche sollten Religionen Vorbilder, Vorreiter und Vorkämpfer sein, was sie freilich oft nicht waren.

Unter Frieden versteht der Dalai Lama keinen Frieden um jeden Preis. „Gerechtigkeit ist die Bedingung für Frieden“, meint er und verweist darauf, dass der Frieden zwischen China und Tibet vor allem deshalb so schwer zu erreichen sei, weil die chinesischen Besatzer in seiner Heimat im Himalaya seit bald 60 Jahren ein verbrecherisches Unrechtsregime errichtet haben, das die Würde und Menschrechte der Tibeter brutal verletzt. Der sanft und – wie er ausdrücklich sagt – „der Bergpredigt Jesu verpflichtete“ Dalai Lama findet sehr klare Worte, wenn es um die Menschenrechte in Tibet geht: „China betreibt in Tibet eine Art kulturellen Völkermord. Politische Gefangene werden gefoltert. Es gibt Zwangstötungen von Neugeborenen und Zwangsabtreibungen wegen der chinesischen Ein-Kind-Familienpolitik“.

Gewaltlosigkeit heißt für wirkliche Bergpredigt-Freunde nicht Feigheit vor dem Feind, sondern Klugheit, nicht Angst und Duckmäusertum, sondern Mut und Aufrichtigkeit. „Gewalt“, sagt der Dalai Lama, „ist einfach ein Zeichen von Schwäche und Dummheit.“

Wenn aber eine Politik der Gewaltlosigkeit 60 Jahre lang keine Erfolge bringt und ein Ende der chinesischen Gewaltherrschaft immer noch nicht abzusehen ist, hat der Dalai Lama Verständnis dafür, dass junge Tibeter ungeduldig werden und auch den bewaffneten Kampf gegen China fordern? „Verständnis ja“, sagt der Friedensnobelpreisträger, der seit 50 Jahren im indischen Exil leben muss und der prominenteste Flüchtling der Welt ist. Er fügt jedoch hinzu:“Wenn junge Tibeter tatsächlich Gewalt anwenden würden, dann würde ich aus Protest dagegen von allen Ämtern zurücktreten.“

Noch immer hofft der Dalai Lama, dass eines Tages auch chinesische Politiker die Vorteile eines friedlichen und gerechten Ausgleichs in Tibet erkennen und nutzen. Der Dalai Lama bietet China schon lange an, dass Tibet im chinesischen Staatsverband bleibt, wenn es dafür mehr kulturelle und religiöse Unabhängigkeit bekommt. Tibet könnte eines Tages einen Status innerhalb Chinas erhalten wie heute Südtirol innerhalb Italiens, meint er. Ein Angebot an China, das ernsthaft geprüft werden sollte.

Jesu Botschaft heißt: „Selig sind die Friedensstifter“ und „Liebt auch Eure Feinde“.
Auch für Martin Luther King ist die Feindesliebe der Bergpredigt der Schlüssel zum Frieden. King kurz vor seiner Ermordung: „Die Liebe auch zu unseren Feinden ist der Schlüssel, mit dem sich die Probleme der Welt lösen lassen. Jesus war kein weltfremder Träumer, sondern ein praktischer Realist.“

Auch deshalb ist es gut und realpolitisch richtig, dass die Bundeskanzlerin vor kurzem den Dalai Lama empfangen hat. Das war ein wichtiges Zeichen für Frieden und humanitäre Außenpolitik. Schon nach seinem ersten Treffen mit Angela Merkel 2005 hatte mir der Dalai Lama gesagt: „Politikerinnen sind oft mutiger als Politiker.“
Die ganze Weihnachtsbotschaft des jungen Mannes aus Nazareth heißt: Frieden ist nur mit friedlichen Mitteln möglich. Frieden lässt sich niemals herbei bomben. Das beweist der Irak-Krieg erneut. Frieden entsteht durch Dialog, Verhandeln, Verständnis auch für den „Feind“ und durch fairen Interessenausgleich.

Auch die Gewalt von Terroristen besiegen wir erst an dem Tag, an dem wir der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen. Das ist der Tag, an dem auf dieser Welt kein Kind mehr verhungern muss. Das ist die eigentliche Frohe Botschaft des Kindes in der Krippe.

Quelle Franz Alt 2007 | Erstveröffentlichung HÖRZU 51/2007