Selig sind, die Flüchtlingen helfen

Ein Zwischenruf von Franz Alt
Diebe, Machos und Frauenfeinde haben in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof Randale veranstaltet. Daraufhin haben über 500 Frauen Anzeige wegen Diebstahls und sexueller Belästigung erstattet. In sozialen Netzwerken und bei einigen Kommentatoren wird nun gleich die ganze christlich-humanitäre Flüchtlingspolitik in Frage gestellt.

Sollen nun wieder Flüchtlinge ertrinken, Kinder verhungern und Familien auf der Balkanroute sterben? Geltendes Recht ist: Wer kriminell wird, entzieht sich selbst den Schutz des Gastlandes und kann ausgewiesen werden. Das sollte rasch geschehen. Der Rechtsstaat darf sich weder von besoffenen Nordafrikanern auf der Nase herumtanzen lassen noch darf er rechten deutschen Dumpfbacken das Feld überlassen.

Für Christen und Humanisten aber gilt die Flüchtlingspolitik des Mannes aus Nazareth, selbst ein Flüchtlingskind, und diese heißt klipp und klar: „Selig sind die, die Flüchtlinge vor dem Ertrinken retten und sie nicht in ihrem Elend auf ihrer Flucht liegen lassen.“ Köln darf nicht zum Alibi für Inhumanität, Gleichgültigkeit und Ausländerhass werden. Kardinal Marx sagt zu Recht: „Für uns Christen gibt es gar keine Ausländer, sondern nur Kinder Gottes, also Brüder und Schwestern.“ Die Pfarrerstochter Angela hat davon etwas verstanden und ihre Partei an das „C“ erinnert. Auf dem Karlsruher Parteitag war ihr die CDU noch gefolgt. Aber nach Köln sehen wir viele konservative Wackelkandidaten.

Tatsache ist: Täglich verdursten in der Sahara Flüchtlinge, viele ertrinken im Mittelmeer oder ersticken in einem mit 71 Menschen vollgestopften LKW in Österreich. Sie erleben seit Jahren Bombenhagel in Syrien oder im Irak. Frauen werden vergewaltigt. Kinder kommen ohne Eltern nach Deutschland. Und viele haben es einfach satt, immer hungrig ins Bett zu gehen. Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, haben ein Trauma, aber auch einen Traum vom Leben.

Dem Nahostkorrespondenten Karim El-Gawhary erzählt die Syrerin Soha, wie das war bei ihrer Flucht mit vier Kindern über das Mittelmeer: Ihr Boot war mit 160 Flüchtlingen an Bord gesunken. Soha hatte als einzige eine Schwimmweste an. „Ihre vier Töchter im Alter zwischen drei und elf Jahren klammerten sich panisch an die Mutter. Die Gruppe drohte unterzugehen, weil die Schwimmweste das Gewicht von fünf Menschen nicht über Wasser halten konnte. Soha war in einer Lage, die sich keine Mutter der Welt vorstellen will. Wenn sie nicht alle ertrinken sollten, musste sie sich entscheiden, welches ihrer Kinder sie loslässt.

Doch Soha wollte und konnte sich nicht entscheiden, strampelte, um über Wasser zu bleiben und wartete ab, was als nächstes geschehen würde. Als erstes ließ sie die dreijährige Haya los, die für immer in den Fluten abtauchte. Ihr folgten Sama und dann Julia in die Tiefe des nächtlichen Meeres. Sechs Stunden später wurden Soha mit ihrer ältesten Tochter Sarah von der ägyptischen Küstenwache aus dem Wasser geborgen. So kam es, dass sie diese Geschichte überhaupt noch erzählen konnte.“ Der Journalist Karim El Gawhary fügt diesem erschütternden Schicksal noch diesen Satz an: „Es gibt viele Sohas, von denen wir nie hören werden“.

Der Flüchtling aus Bethlehem wurde zum einzigartigsten Menschen der Geschichte. Er lehrte uns, dass wir Menschen uns alle ähnlich sind: In der Liebe wie in der Trauer um einen geliebten Toten, in der Freude über unsere Kinder wie in der Angst um deren Zukunft, in der Sorge um unsere alten Eltern wie in der Frage: Was kommt nach dem Tod?

An Weihnachten 2015 hat Pegida zum Weihnachtslieder-Singen eingeladen. Sie singen „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit…“, aber sie fordern zugleich „Macht die Grenzen dicht.“

Seltsam auch, dass dort wo die wenigsten Christen leben, der Wunsch am größten ist, das christliche Abendland zu verteidigen: in Sachsen! An manchen Tagen denke ich: „Ihr lieben Ausländer, lasst uns mit diesen Deutschen nicht allein.“

Franz Alts neues Buch: „Flüchtling – Jesus, der Dalai Lama und andere Vertriebene – Wie Heimatlose unser Land bereichern“ | erscheint 22. Februar 2016.

Quelle FRANZ ALT 2016
Foto: Editorisches StockFoto