So geht es auch: Interkulturelles Weihnachtsfest in Hannover

Bereits zum fünften Mal haben die Initiatoren am 11. Janaur 2015 zu einem „interkulturellen Weihnachtsfest“ in Hannover eingeladen. Ob Christen, Muslime, Juden oder Orthodoxe – alle feiern gemeinsam Weihnachten in der Hannoverschen Matthäuskirche. Vorne am Altar steht ein großer festlich geschmückter Weihnachtsbaum und davor eine Krippe aus Holz. Von der Decke hängt ein weißer leuchtender Weihnachtsstern, der Bläserchor verströmt mit seiner Musik besinnliche Stimmung mitten im Januar, um noch einmal Christi Geburt zu feiern. Doch diesmal ist die Stimmung nicht nur festlich. Oft ist von Angst die Rede.

Die orthodoxen Kirchen feiern Weihnachten am 6. und 7. Januar. Doch das ist kein Nachteil: Fast 600 Menschen drängen sich nun in der Kirche. Jede der mehr als 140 Nationen, die in Hannover leben, scheint vertreten zu sein. Das Publikum ist ethnisch noch vielfältiger als im vergangenen Jahr. Und noch etwas ist anders. Am 12. Januar will die fremdenfeindliche „Pegida“-Bewegung auch erstmals in Hannover demonstrieren.

„Die wöchentlichen Pegida-Auftritte in Deutschland machen uns Angst,“ sagt Hamideh Mohagheghi. Sie ist Sprecherin des Rates der Religionen in Hannover und feiert auch als Muslima dieses christliche Fest mit. Die Solidarität vieler anderer mache ihr aber auch Mut, fügt sie dann hinzu. „Ich bin dankbar, dass Vielfalt in dieser Stadt möglich ist.“

Natürlich ist das Miteinander jetzt noch wichtiger, meint Abayomi Bankole vom Afrikanischen Dachverband Norddeutschlands mit Blick auf „Pegida.“ Der Begriff „typisch deutsch“ müsse neu definiert werden, glaubt der gebürtige Nigerianer. „Typisch deutsch ist heute eine Vielfalt von Religionen und Nationen.“ Um das zu unterstreichen, lesen neun Hannoveraner dann in ihren Muttersprachen die Weihnachtsgeschichte des Lukasevangeliums vor.

Weihnachten hieße, sich zu öffnen für die, die zu uns kämen, sagt Landesbischof Ralf Meister in der Predigt. Er zieht Parallelen zwischen dem Jesuskind in der Heiligen Nacht und den 50 Millionen Flüchtlingen weltweit. Der Auftrag der Weihnacht laute für die Christen, allen Notleidenden zu helfen – weltweit. „Für Gott ist unwichtig, woher einer kommt oder welche Sprache er spricht.“

Milan Pejic war selbst Flüchtling als er vor 42 Jahren in die Bundesrepublik kam. Der serbisch-orthodoxe Erzpriester erinnert sich noch, wie erschrocken er bei seiner Ankunft hier war: „Ich musste Fingerabdrücke abgeben und wurde fotografiert wie ein Verbrecher.“ Aber die deutsche Gesellschaft habe ihm viel gegeben. Nun hilft er selbst Asylsuchenden. Denn Pejic möchte nicht, dass Menschen hier schlecht empfangen werden.

„In meiner Gemeinde gibt es viele Flüchtlinge,“ erzählt der Geistliche. Die meisten sind Roma aus dem ehemaligen Jugoslawien. Oftmals glauben die deutschen Behörden ihnen nicht, dass sie verfolgt werden. So auch einem jungen Paar. Sie wurden in ihrem Dorf fast gelyncht, weil sie Aids haben. „Ich will nicht, dass sie auch hier Angst haben müssen,“ sagt Pejic. Doch auch viele Menschen, die schon lange hier sind, fürchten sich vor „Pegida“, weiß er aus seiner Gemeinde. „Die Migranten hier haben mehr Angst vor Pegida als umgekehrt.“

Die interkulturelle Zusammenarbeit in Hannover begann, als Anfang der 90er Jahre fremdenfeindliche Deutsche Flüchtlingsheime in Hoyerswerda und Rostock anzündeten. Das überkonfessionelle Weihnachtsfest entstand letztlich aus dieser Zusammenarbeit in Hannover.

„Mit unserem Fest wollen wir ein Zeichen gegen Ausgrenzung setzen“, erklärt Michel Youssif. Der ägyptische Pastor der arabisch-deutschen evangelischen Gemeinde fürchtet sich davor, dass „Pegida“ zu einem erstarkten Rechtsradikalismus führt. Heute sind es die Muslime und morgen alle Menschen mit anderen Hautfarben. „Dabei machen Flüchtlinge Deutschland nicht ärmer, sondern reicher.“

Stefan Korinth (epd)